Eros und Thanatos in und um Israel

von החול והים

68years

Aus dem freudigen Anlass des 68-jährigen Gründungsjubiläums des Staates Israel zirkuliert derzeit auf Facebook ein Bild [1], dem die Fotografie eines antizionistischen Propagandaplakats [2] zugrundeliegt, dessen Aufschrift jedoch nachbearbeitet worden ist, sodass die Aufschrift nunmehr lautet:

»68 years old
and everybody still
wants to fuck you
Happy Birthday Israel«

Die allgemeine Begeisterung, mit der das Bild in israelsolidarischen Kreisen aufgenommen wird, hat natürlich zuerst etwas mit dem israelischen Überlebenswillen zu tun und mit der verwunderlichen Feststellung, dass es dem kleinen Judenstaat trotz widrigster Umstände irgendwie gelungen ist, seit nunmehr 68 Jahren zu bestehen. Um sich in sozialen Medien derart großer Beliebtheit zu erfreuen (binnen 13 Stunden nach Veröffentlichung von der Quelle [1] aus über 500fach weitergeteilt), bedarf es allerdings weiterer Zutaten neben der reinen Lebensfreude.

Der Witz stellt sich nur ein, wenn man die Doppelbedeutung von »to fuck so.«/»jmd. ficken« – nämlich einmal im sexuellen Sinne [3] und einmal im (sexualisiert) gewalthaften als jmd. fertigmachen, unterwerfen – unkritisch voraussetzt und also affirmiert. Viele Menschen werden gerne gefickt – bzw. zirkludieren [4] sie gerne –, aber sie werden nicht gerne fertiggemacht oder unterworfen. Über die subjektive Ebene hinaus sind Ficken und Geficktwerden hier zudem in ihrer Dimension als gesellschaftliche Verhältnisse zu verstehen: Gefickt wird die niedere, weibliche Klasse. Die in diesem Witz vermittelte Reproduktion dieses Verhältnisses ist daher als reaktionär zu kritisieren.

Woher nun die Begeisterung? Die der Sexualität innewohnende Spannung zwischen Lebens- und Todestrieb erscheint in diesem Witz aufgespalten: Der Eros manifestiert sich in erster Linie in den 68 Jahren israelischen Staatsbestehens; im nurmehr scheinbar Erotischen hingegen regiert der Thanatos. Die doppelte Affirmation in diesem Witz erlaubt es, den unterdrückten thanatischen Impulsen in einer dem patriarchal vergesellschafteten Über-Ich akzeptablen Form Ausdruck zu verleihen. Freud schrieb hierzu [5]:

»Hier wird endlich greifbar, was der Witz im Dienste seiner Tendenz leistet. Er ermöglicht die Befriedigung eines Triebes (des lüsternen und feindseligen) gegen ein im Wege stehendes Hindernis, er umgeht dieses Hindernis und schöpft somit Lust aus einer durch das Hindernis unzugänglich gewordenen Lustquelle.«

Was genau dabei als akzeptable Ausdrucksform durchgeht, hängt von der sozialen Peer Group ab, in der man sich bewegt. Ein in antideutschen Kreisen recht beliebtes Meme etwa verbindet den bewaffneten Überlebenskampf Israels noch deutlich offensiver mit Sexuellem:

Merkava

»Es gibt nichts verheerenderes als
eine Trennung
außer natürlich der israelische Kampfpanzer Merkava Mark IV
denn mit einem Gewicht von 65t und bewaffnet mit einer IMI 120-mm-Glattrohrkanone, einem Granatwerfer und 4 MG’s fickt dieser fiese Motherfucker einfach alles weg.«

Wenn der »fiese Motherfucker« mit seiner stählernen Glattrohrkanone »einfach alles wegfickt«, ist nicht nur das nominell Sexuelle zur reinen Aggression verkommen, es benennt auch ganz unverblümt, worüber wohl derjenige nicht hinweggekommen ist, der meint, dass es etwas von sich aus falsches, schädigendes ist, jemanden zu ficken: Dass er es mit seiner eigenen Mutter nicht tun durfte. [6]



[1]
Anna Berg, Bloggerin bei der Times Of Israel, veröffentlichte eine Version am 13.05.2016 auf ihrer Facebookseite unter https://www.facebook.com/annaberg.enoughisenough/photos/a.384360865018107.1073741830.383378761782984/963777543743100/

[2] http://www.indymedia.ie/attachments/may2008/outside_the_israeli_embassy.jpg

[3] »Ficken« ist dabei üblicherweise als »penetrieren« zu verstehen, worin bereits geschlechterhierarchische Ideologie zum Ausdruck kommt, da Penetration mit Macht assoziiert wird.

»An der Homosexualität unter Männern wird nicht so sehr gehasst, dass zwei gleichgeschlechtliche Partner sich lieben, sondern dass dabei ein Mann passives Sexualziel ist und beherrscht werden kann. Diese Passivität wird mit Kontrollverlust assoziiert und ist deshalb so angstbesetzt für das bürgerliche Subjekt, das glaubt, mit diesem Kontrollverlust seine Handlungsfähigkeit und letztendlich seine Existenz zu verlieren.« (Andrea Trumann: Das bürgerliche Subjekt und sein Anderes. CEE IEH #163, http://www.conne-island.de/nf/163/20.html)

[4] vgl. hierzu Bini Adamczak: Come on. ak 614, https://www.akweb.de/ak_s/ak614/04.htm

[5] Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Wien 1905, S. 83.

[6] Die Annahme drängt sich auf, dass in der Identifikation mit dem beschnittenen jüdischen Soldaten, der nunmehr mit dem Stahlrohr seines Panzers bewehrt ist, zugleich die eigene Kastrationsangst abgewehrt wird:

»Der Kastrationskomplex ist die tiefste unbewußte Wurzel des Antisemitismus, denn schon in der Kinderstube hört der Knabe, daß dem Juden etwas am Penis – er meint, ein Stück des Penis – abgeschnitten werde, und dies gibt ihm das Recht, den Juden zu verachten. Auch die Überhebung über das Weib hat keine stärkere unbewußte Wurzel.« (Sigmund Freud: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. In: ders.: GW VII, Frankfurt am Main 1905, S. 271)

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